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Die Lage des Friedhofs 

Wer in Sulzburg den jüdischen Friedhof aufsuchen will, folgt der Hauptstraße durch das tausendjährige Städtchen von West nach Ost. Der Friedhof aus dem 18. Jh. liegt außerhalb des Ortes im Sulzbachtal. Am östlichen Ortsrand befindet sich die Ausgrabungsstätte einer römischen Bergarbeitersiedlung und wenig später, rechter Hand bei einem Campingplatz, führt ein Brückchen über den Sulzbach zum Friedhof. Dort befindet sich der Besucher in einem kleinen Lorbeergehege vor einem einfachen offenen Eingangsgebäude, das ehemals als Abdankungshalle diente. Die beiden Torflügel tragen auf einem großen Davidstern in goldenen Buchstaben die Inschrift „Breite über uns die Hütte Deines Friedens.“ Wenige Stufen führen den Besucher aufwärts und bringen ihn auf ein Plateau vor ein steiles terrassiertes Waldgelände, auf der linken Seite der große Gedenkstein, rechts einige Gräberreihen. Vor sich sieht er eine von Linden eingefasste schmale Steintreppe, die von Terrasse zu Terrasse an die vierzig Meter hoch bis zu den obersten Grabstätten leitet. Friedhof und Wald sind kaum zu unterscheiden.

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Der Vorgänger-Friedhof

Dass es vor diesem Friedhof bereits eine ältere Begräbnisstätte der jüdischen Gemeinde aus dem 16. Jh. in Sulzburg gegeben hat, geht aus verschiedenen alten Schriften und einer Bergwerkskarte aus der Mitte des 18. Jh. hervor. Der Pächter des Salzmonopols „des Markgrafen, der Jude Löwel von Hagenau, berichtet am 27. Juli 1679 in einem Schreiben an den Landesherrn, dass ´ohnfern dem Stättlin Sulzburg da draußen ahm Berg von 100 Jahren her eine alte niemand nichts nutzende Juden Begräbnuß, bey deren noch etwas Gemauer stehet, befindet´. Es handelt sich dabei um die Beschreibung des ´alten Judenkirchhofs´, der etwa 300 Meter westlich auf demselben Bachufer gelegen haben muss. […] Der Sulzburger Friedhof ist im 16. Jahrhundert nicht nur für die in […]den anderen Orten des badischen Oberlandes ansässigen Juden, sondern vielleicht auch für die im rechtsrheinischen Teil des Fürstbistums Basel bis 1580 geduldeten Juden von Istein, Huttingen, Schliengen, Mauchen und Steinenstadt als Verbandsfriedhof von zentraler Bedeutung“. ¹ Aus dem 16. Jh. sind jedoch keine Grabsteine mehr vorhanden. Da nach 1577 die Juden das badische Oberland verlassen mussten, weil sie keine Schutzbriefe mehr erhalten hatten, war der Friedhof bis 1717 seiner Bestimmung entfremdet. Grabsteine verlassener Friedhöfe wurden oft zu Bauzwecken verwendet. 

Der heutige Friedhof

„Am 1. Juni 1717 reichen die Schutzjuden Jakob Schwab von Müllheim, Moses Wolf und Moses Weil von Sulzburg das Gesuch ein, ´die Begräbnisstätte hinter dem Stättlein, bey der großen Erzgrube, so Euer hochfürstl. Durchlaucht und Gnaden gestern selbsten in Augenschein genommen und die man von uralten Zeiten her den Judenkirchhof nennt, [...] uns frey zu lassen´. Dem Gesuch, den alten Friedhof, der im Bereich der Grube ´Himmelsehre´ liegt, wieder nutzen zu dürfen, wird nicht stattgegeben ². Ersatz wird an einem Standort gefunden, der 80 Oberländer Ruten weiter im Osten liegt. Erworben wird für 40 Gulden „von der hießigen Gemeind 1. Stuck öed geweßene Allmend […]“, der Platz des heutigen Friedhofs, der im Laufe von 150 Jahren mehrfach erweitert wurde.“ ¹

Bis 1850 wurden auch die Müllheimer Juden, die bis dahin keinen eigenen Friedhof besaßen, auf dem Sulzburger Friedhof begraben. Wer dieses abgelegene, steile, steinige Gelände vor sich liegen sieht, fragt sich, wie ein so schwieriger Grund als Begräbnisplatz gewählt werden konnte. Die Antwort finden wir bei Ludwig David Kahn, dem wir die 1969 erschienene ´Geschichte der Juden von Sulzburg´ verdanken: „Der Sulzburger Judenfriedhof ist hügelig und uneben, wie man dies bei alten jüdischen Friedhöfen findet, bei denen auf Planierung und gärtnerische Gestaltung keinen Wert gelegt wurde. Uneben auch deshalb, weil von den Juden in diesen Gemeinden oft unter schwierigen Bedingungen als letzte Ruhestätte ein Gelände ausgewählt wurde, das sich nur schlecht für Bauzwecke eignet. Denn nach jüdischer Vorschrift darf ein Friedhof nicht aufgehoben werden. Die ewige Grabesruhe gehört zu den wichtigsten religiösen Vorschriften für die Erhaltung eines jüdischen Friedhofes. Ungemein reizvoll schmiegt sich der […] Sulzburger Judenfriedhof dem Berg an, treppenartig aufgebaut. Seine Abgelegenheit mag auch der Grund gewesen sein, dass er fast vollständig erhalten geblieben ist. Eine Stätte wehmütiger Stimmung. Man glaubt sich beim Betreten des Friedhofes in einem steinernen Wald zu befinden.“

Die Grabsteine

Die ältesten Grabsteine aus den Jahren um 1730 liegen auf der linken Seite in der Nähe des Eingangs. Nur noch wenige Steine zeigen die vormals tief eingemeißelte hebräische Beschriftung. Viele sind vermoost oder haben durch die Witterungseinflüsse ihre Inschriften bis zur Unkenntlichkeit verloren. Wie stark die Steine gelitten haben, zeigen die zahlreichen Fotos, die Ludwig David Kahn in den 60er Jahren angefertigt hat und die heute im Jüdischen Museum Basel aufbewahrt werden. Er schrieb: „Das für Grabsteine verwendete Material ist ein Sandstein, den gerade der nächste Steinbruch bietet und den man ohne Schwierigkeiten leicht erhalten kann“. Die Höhe der Epitaphien in Halbrundbogenform war durch die zum Transport dienenden ländlichen Fuhrwerke begrenzt. „So finden wir im alten, linken Teil des Gottesackers fast nur niedrige Grabsteine von gleicher Höhe, gewissermaßen die Nivellierung im Tode manifestierend. […] Grabtafeln und Bäume, Gras, Moos und Flechten, niedriges Gesträuch scheinen im Verlauf der Jahrhunderte zu einer untrennbaren Einheit zusammengewachsen zu sein.“ ³

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Auf der linken Hälfte des Friedhofs im unteren Bereich gibt es Flächen ganz ohne Grabsteine oder mit nur einzelnen. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch die Wiesenflächen und die heute nur von Bäumen und Buschwerk bestandenen Flächen als Grabstätten gedient haben, nur sind die Steine verschwunden oder die Gräber nie mit Steinen versehen gewesen. Der Platzmangel, der mehrfach Friedhofserweiterungen notwendig machte, ist an der Anordnung und Zahl der frühen Grabsteine hier nicht mehr abzulesen.

„Die Gräberreihen entlang gehend, stoßen wir auf unterschiedliche Inschriften, im alten Teil nur hebräischer, im neuen hebräischer und deutscher Text. Bei den alten Steinen ist gewöhnlich außer dem Namen und einer sog. Eulogie (= gutes Wort, hier Segenstext) nur der Todestag angegeben, nicht der Geburtstag. Die neueren Steine zeigen nicht mehr die einfache Geschlossenheit, sondern eine Steigerung des Ausmaßes der Ornamentik, gewissermaßen das Gepräge der Zeit.“ ³

Bei einer Anzahl von Grabsteinen - insbesondere auf der unteren, rechten Terrasse - fehlen Steinsockel und nicht immer gehören Sockel und Grabstein zueinander. Zu diesen Verwechslungen scheint es bei der Wiederherstellung der Grabsteine nach 1945 gekommen zu sein, denn im November 1938 war der Friedhof von Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes geschändet worden, Grabsteine waren umgeworfen, Platten zerschlagen worden.

Die jüdische Gemeinde ist erloschen

Der rechte Friedhofsteil mit seiner ausgeprägten Terrassierung und den jüngeren Gräbern aus dem 19. und 20. Jahrhundert ist nur zur Hälfte belegt. Die Juden mussten Sulzburg verlassen, weil die zunehmende Verfolgung in der NS-Zeit ihnen den Lebensraum nahm. Mit der Deportation von 27 jüdischen Bewohnern Sulzburgs nach Gurs im Oktober 1940 endete die vielhundertjährige jüdische Geschichte dieser kleinen Stadt, deren Einwohnerschaft einmal zu einem Drittel aus Juden bestanden hatte.

Nach 1945 wurde auf diesem Friedhof nur noch eine Person in feierlichem Ritus beerdigt: Hugo Bloch, dessen Initiative auch die Restaurierung der von den Nationalsozialisten geschändeten Synagoge zu verdanken ist. Seinem Wunsch entsprechend, wurde er 1980 hier beigesetzt.